Grübeln über – das Ende unserer Auszeit

Mal wieder auf neuen Wegen.

Eine Träne kullert mir über die Wange. Vor Traurigkeit, vor Glück? – ich weiß es nicht genau. In meinem Bauch fahren die Gefühle Achterbahn, doch in meinem Kopf ist es erstaunlich leise. Mein innerer Grübler hat scheinbar keine Lust, die Dinge mit mir auszudiskutieren.
Ich fühle mich von ihm und dem Angsthasen allein gelassen. Die beiden haben sich in unserer Auszeit gemütlich eingerichtet, schlafen lange (und vor allem durch), lassen sich die Sonne auf den Bauch scheinen und schauen äußerst selten in meinem jetzigen Leben vorbei.
“Aufgewacht ihr Faulpelze! Ich brauche Euch dringend für eine Reflexion. Unsere Auszeit geht zu Ende und wir haben Gesprächsbedarf.”

Grübler: “Nun mach mal hier nicht so viel Lärm und erschreck mir den Angsthasen nicht. Ja, gut Eure Auszeit geht vorbei und worüber soll ich jetzt grübeln?”
“Ihr seid vor über 2 Jahren ins kalte Wasser gesprungen und nichts Schlimmes ist passiert.
Ihr habt Euch nicht getrennt trotz 24/7 aufeinander hocken. Ihr seid weder in den tiefen Wäldern Finnlands verschollen, noch von einer Klippe in Schottland gefegt worden oder wurdet von der Straßenbahn in Lissabon mitgeschleift.
Ihr seid in Norwegen von keinem Bären gefressen worden und in Island hat Euch kein Vulkanausbruch überrascht. Ihr hattet in den letzten zwei Jahren keine Unfälle, obwohl ihr Tausende von Kilometern gereist seid. Niemand hat Euch bestohlen oder betrogen.
Ihr schlaft immer noch nicht unter einer Brücke, obwohl ihr über zwei Jahre kein Geld verdient habt. Eure Kinder sind nicht in der Gosse gelandet, obwohl ihr wenig zuhause wart.
Ich glaube, dass Schlimmste, was Euch passiert ist, war deine Erkältung in Frankreich und ‘ne rote Warnanzeige im Auto in Norwegen, die mit dem Auffüllen von Kühlflüssigkeit schnell behoben war.
Bitte, was soll nun passieren?”

Angsthase: ” Ok, ok, da fällt mir schon Einiges ein. Stell Dir vor, die will nach dieser langen Zeit wirklich niemand mehr einstellen. Oder die können das mit dem Arbeiten gar nicht mehr. Oje, oje, dann müssen wir das Haus verkaufen und verhungern.”

Grübler: ” Na Danke. Jetzt ist er wach.”

Ich:” Ups, ihr zwei, so ruhig wie ihr Euch gestellt habt, wart ihr nicht.
Scheint Euch doch schon eine Weile mit dem Thema zu beschäftigen. Bei mir rumort es auch schon ein wenig. Besonders stark seit letzter Woche, als wir das Monster verkauft haben. Deshalb auch die Träne. Einerseits bin ich froh, dass der Wohnwagen mit jemanden anderes Abenteuer erleben kann, andererseits war es der eindeutige Abschluss unserer Auszeit.”

Grübler und Angsthase: “IHR HABT WAS GEMACHT? Das Monster gehört nicht mehr zu uns?”
Angsthase: “Ach Du meine Güte, jetzt ist es endgültig vorbei. Was machen wir denn jetzt? Und die haben uns gar nicht mit einbezogen. Ich glaube, ich drehe durch. Da rollt ‘ne Panikattacke ran, mein Herz springt gleich aus der Brust.”
Grübler: “Atmen Hase, atmen.
Ist doch alles gut oder nicht? Ich muss da erstmal drüber nachdenken…”
Angsthase:”Geht schon, geht schon… Ist gar nicht so schlimm.”
Grübler:” Ich bin auch etwas überrascht. Es gab keine schlaflosen Grübelnächte, kein den-Wohnwagen-lange-anstarren-und-drüber-nachdenken. Keine Zwiegespräche, an die ich mich erinnern kann. Ich fühl´ mich gerade etwas nutzlos.”

Ich:” Oh man, Jungs, das war doch schon zum Beginn der Auszeit klar. Wir nehmen uns zwei Jahre und wenn wir denken jetzt ist gut, verkaufen wir den Wohnwagen wieder.”

Grübler: ” Ich habe kein Jetzt-ist-gut bemerkt.”

Ich:”Ich gebe Dir recht. Das gab/gibt es auch nicht.
Wir haben uns, wie Ihr, gut in dieser Auszeit eingerichtet. Es gab keine langweiligen Tage, ob auf Reisen oder zuhause. Jeder Tag war schön.
Wir haben nie das Gefühl gehabt, jetzt reicht es, ich muss wieder arbeiten gehen, ich brauche die Bestätigung von außen. Wir haben diese Zeit als Lottogewinn, als pures Glück erlebt und wir sind nun etwas melancholisch, dass dieses Zeit vorbei ist.”

Grübler: ” Puh, ich hatte schon ein wenig Angst, dass ich das Grübeln verpasst habe und Du jetzt mit jemand anderem aus der inneren Familie alles besprichst.
Aber warum ist es dann jetzt vorbei?”
Angsthase:” Weil wir sonst verhungern.” Rollt mit den Augen.

Ich: “Ach Quatsch. Wir haben uns von Anfang an zwei Jahre gegeben und haben diese sogar überzogen, doch jetzt wird es Zeit für etwas Neues.
Henrik und ich merken, uns ist der Anfängergeist abhanden gekommen.
Alles ist gemütlich und vertraut, selbst das Reisen verursacht keine große Aufgeregtheit mehr.
Wir brauchen neue Herausforderungen, unser Kopf möchte gefordert werden.
Und ja, auch unser gespartes Geld reicht nicht bis zur Rente.”

Grübler: “Ok, ja das habe ich auch gemerkt. Im letzten Jahr gab es weniger Grübeln, weniger Sorgen machen, weniger in die Zukunft denken, aber auch weniger Vorfreude und Kribbeln, wenn ihr unterwegs gewesen seid.”
” Aber ganz ehrlich, wenn ihr genug Geld hättet, würdet Ihr wieder Arbeit gehen? Wegen des Kopfes und den Herausforderungen?”

Ich: ” Nein, ich glaube nicht. Dafür haben wir die Zeit zu sehr genossen. Wir würden uns vornehmen, uns irgendwie anders zu fordern und es dann wahrscheinlich doch nicht tun. Darum ist es gut, dass wir wieder arbeiten gehen müssen.
“Eigentlich sind wir immer gerne arbeiten gegangen und ich denke, dass wir uns auch wieder gut einfinden. Auch wenn wir heute in vielen Sachen anders denken als vor 2 Jahren.”

Angsthase: “Ja genau, und darum will Euch bestimmt auch niemand mehr haben. Ihr stellt mittlerweile ganz schön viel infrage, gerade was die Arbeit und unsere Gesellschaft angeht. Und ihr müsst Euch doch anpassen, sonst wird das nichts.”

Ich: ” Ach Angsthase, Du hast recht, die Zeit hat uns verändert. Du bist zum Beispiel ganz schön klein geworden, eher niedlich. Darum machen mir diese Sorgen auch keine Angst mehr.
Da Ihr beiden Schlafmützen die letzten Wochen scheinbar nichts mitbekommen habt: wir haben schon was passendes gefunden.”

Grübler: “Ich glaube es ja nicht. Gehören wir denn noch zu Dir? Also ich möchte demnächst mehr einbezogen werden! So ein bisschen grübeln kann ja wohl nicht schaden.”

Ich:” Mein Freund, Du hast mir früher viele schlaflose Nächte bereitet und einige graue Haare beschert. Dass Du jetzt etwas ruhiger bist, ist gar nicht so schlimm. Aber ja, Ihr fehlt mir manchmal. Ein klein wenig panische Aufregung gibt dem Leben etwas Würze.

Grübler:” Vor lauter Verlustangst habe ich ganz vergessen zu fragen, was Ihr jetzt macht?”

Ich: ” Ich werde ‘ne Personaltante. Da warten viele neue Sachen auf mich und Gebiete, in die mich erst reinarbeiten muss.
Und Henrik wird sich zum Programmierer umschulen lassen. So richtig mit zur Schule gehen, Arbeiten schreiben, Prüfungen bestehen.
Wir freuen uns beide auf die neuen Aufgaben. Doch gleichzeitig sind wir traurig, dass unsere gemeinsame Zeit und die Freiheit, jeden Tag zu machen, was wir wollen,  jetzt wieder begrenzt ist.”

Angsthase: “Auweia, Ihr seid dann nicht mehr 24/7 zusammen und jeder macht etwas anderes. Wenn das mal gut geht mit Euch Zweien? Nicht, dass Ihr Euch auseinanderlebt. Ich sehe es deutlich vor mir. Neue Leute, neue Interessen, neues Leben und schwupps- trennt Ihr Euch. Was machen dann die Kinder? Und wie läuft das mit dem …”

Ich: “Stopp! Nun komm mal wieder runter.
Nichts von dem wird passieren. Unsere Liebe hat schon einiges ausgehalten, so ‘ne kleine Änderung bringt neue Gesprächsthemen an den Abendbrottisch. Und wenn doch Alles eintritt, was Dir Angst macht, dann machen wir uns Gedanken, wenn es soweit ist.”

Grübler: “Wie geht es Dir eigentlich mit den Veränderungen?

Ich: “Im Moment bin ich traurig und voller Vorfreude zugleich.
Doch anders als vor zwei Jahren (wo das ähnlich war) bin ich jetzt viel melancholischer. Es ist nicht das große Abenteuer, dass auf mich wartet. Der Rhythmus, der jetzt unser Leben wieder bestimmt, ist altbekannt. Alte Pfade mit neuen Zielen.
Das Reisen ohne Zeitbegrenzung wird mir fehlen, genauso wie das lange gemeinsame Frühstücken und in den Tag hineinleben.
Ich hoffe, dass wir uns nicht all zu schnell wieder vom Job vereinnahmen lassen und dass uns unser Blick über den Tellerrand erhalten bleibt.
Andererseits freue ich mich auf die neuen Aufgaben und Menschen. Darauf, neue Dinge zu lernen, andere Sichtweisen kennen zulernen und meinen Kopf zu fordern.”

” Du merkst mein lieber Grübler, wir werden uns in der nächsten Zeit wieder öfter sprechen.”

Zwei Jahre Europa voll Leben, Abenteuer, Liebe, Mut, Freude und Lachen.

 

 

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12 commentaires sur “Grübeln über – das Ende unserer Auszeit

  1. Hallo Sylke,

    ich habe euch die letzten 2 Jahre leserisch immer begleitet und kann kaum glauben, dass es wirklich alles schon so lange her ist.

    Ich wünsche euch beiden viel Glück beim Start in die Arbeitswelt.

    Liebe Grüße
    Anett

    • Vielen lieben Dank!

      Oh ja, die Zeit rast oder besser sie ist relativ. Denke ich an den letzten Tag in unserem Büro, dann war das vor einem ganz Leben – schon ewig her. Denke ich an die letzten zwei Jahre, dann ist die Zeit nur so verflogen…

  2. Der “Angsthase” hatte bei Deinen Eltern noch nie eine große Chance gehabt
    das Leben zu bestimmen. Visionen zu realisieren, Mut zu Veränderungen und Verantwortung zu übernehmen haben diesen Burschen nur in einer kleinen Ecke überleben lassen.
    Der “Grübler” dagegen hatte und hat eine wesentlich größere Rolle zu spielen!
    Schön das es Dich, Deine Familie und die beiden Typen gibt!

    • Ihr habt mir die beiden mitgegeben und ihr wisst am Besten wie viele Selbstgespräche ich als Kind geführt habe, bestimmt auch mit den beiden. Ganz lieben Dank für Eure Liebe, Euer Vertrauen und Eure Unterstützung.

  3. Hallo Sylke,
    Ihr habt 2 tolle Jahre hinter Euch und jeder schöne Moment bleibt in Eurer Erinnerung Ich hoffe, dass es nicht mit Dageswelt zu Ende geht, denn auch bei diesem neuen Lebensabschnitt würden wir Euch gerne ” begleiten” .
    Was war los bei mir in den letzten 2 Jahren? Habe 7 Kilo weniger und dafür 2 Jahre mehr Lebenserfahrung. Ich habe etwas persisch gelernt, 57 geflüchtete Menschen zu einer Wohnung verholfen und friere noch immer im Büro. Dort arbeite ich jetzt 40 Stunden, weil mein Grübler und mein Angsthase stärkere Argumente hatten. Ich erlebe immer noch die merkwürdigsten Dinge .. Also -fast- alles beim Alten. 😉

    • Liebe treue Seele,
      schön das einiges bei Dir beim Alten geblieben ist (“ich erlebe immer noch die merkwürdigsten Dinge”) und anderes sich verändert hat – ich glaube, das nennt man Leben :o). Lass den Angsthasen und den Grübler nicht allzu viel Platz einnehmen. Die beiden machen sich oft viel größer als sie sind.
      …und ja auch im neuen Lebensabschnitt werde ich hier ab und zu weiter schreiben.
      Und hoffe dann auch weiterhin von Dir zuhören/lesen.

  4. Ihr schafft alles und eure Akkus sind voll geladen. Glückwunsch für euren Neustart. Außerdem könnt ihr euren Weg jederzeit ändern und einfach nur an drei Tagen arbeiten oder ihr teilt euch den Hauptjob mit jemanden. Eure Reiseimpressionen werden uns fehlen. Liebe Grüße Ramona

    • Dankeschön! … und Geschichten wird es hier weiter geben. Vom Grübeln, von kleinen Auszeiten und vielleicht von “über dem Gartenzaun” :o).

  5. Ich erinnere mich noch sehr gut an diesen inneren Konflikt als ich mit dem neuen Job begann. Irgendwie war das schon spannend was neues, neue Leute u.s.w., aber ich musste mich auch von meiner uneingeschränkten Freiheit verabschieden (und ich hatte nur 6 Monate ). Es dauerte fast 1 Jahr bis ich mich in diese neue Situation eingefunden hatte und akzeptieren konnte.
    Es ist wie immer alles eine Kopfsache, Ihr schafft das auch! Toi toi toi Euch beiden für diesen neuen Abschnitt!!!
    LG Franzi

    • Du hast so recht “alles eine Kopfsache”. Darum versuche ich meinem Kopf die Sache schmackhaft zu machen, doch das wird bei mir auch ein wenig dauern bis er/wir im neuen Abschnitt angekommen sind.
      Aber irgendwie ist das ja auch ein neues Abenteuer: Ich und mein Kopf im Wattezustand der Melancholie :o).
      Ganz, ganz liebe Grüße zurück

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