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Sommerferien auf Rügen

#67 Sommerferien auf Rügen
Lied zum Text: Crucchi Gang/Francesco Wilking “Il mio bungalow”

Nach langer Zeit gibt es von uns mal wieder einen Reisebericht, reist mit uns nach Rügen.

Wir stehen auf der Fähre, die uns nach Rügen bringt. Händchen haltend lehnen wir an der Reling, beide mit einem Lächeln im Gesicht und schauen der Insel entgegen. Über uns ein himmelblauer Himmel mit weißen Schäfchenwolken, neben uns die blaue Ostsee mit weißen Segelschiffen. 10 Tage Sommerferien liegen vor uns. 10 Tage, auf die wir zugebangt haben in dieser Viruszeit. 10 Tage nur wir zwei. 10 Tage, die jetzt beginnen.

Die Planung

Noch bevor Worte wie Virus, Hygieneregeln, Nasen,-Mundschutz, Lockdown, Darf-ich-Dich-umarmen? zu unserem Sprachgebrauch gehörten, buchte ich unsere Sommerferien auf Rügen.
Das einzige, was damals klar war, wir haben nur 10 Tage Sommerurlaub in 2020. Für uns, die wir in den letzten Jahren zum Erkunden neuer Landstriche Zeit ohne Ende hatten, eine völlig neue Situation. Wir wollten die paar Tage nicht mit einer langen Anreise vertrödeln, wir wollten trotzdem irgendetwas am Meer mit schöner Natur und mit viel Zeit zum Ausruhen. Und so fiel unsere Wahl ziemlich schnell auf Rügen.

Jetzt auf der Fähre beglückwünschen wir uns, dass sich alles so ergeben hat. MeckPom darf zum Glück wieder bereist werden, wir sind im eigenen Auto unterwegs und wir haben eine Ferienwohnung gebucht und die wurde nicht storniert – alles eigentlich wie immer. Aber mein Grübler sitzt mir auf der Schulter: Wie voll wird es wohl sein? Finden wir ein ungestörtes Plätzchen? Wo muss man überall die Maske tragen? Werden das unbeschwerte Tage?

10 Tage später auf der Rückfahrt ist da die gleiche Erkenntnis wie immer: Weniger grübeln, mehr genießen. Denn wir hatten tolle Sommerferien, die sich nur leicht von unseren anderen Urlauben unterschieden haben.

Ankommen

Als wir aus Berlin losfahren sind wir gleich wieder in unserem Reisemodus. Die Autobahn ist nicht voller als sonst, wir beide hören unsere Lieblingslieder, essen das eingepackte Obst und quatschen über dies und das. Schneller als gedacht stehen wir schon auf der Fähre.
Zwei Stunden später, haben wir bereits eingekauft, alle Anmeldeformalitäten erledigt, das Auto ausgeräumt und sitzen mit einer Tasse Kaffee (also ich mit Tee) auf der Terrasse unserer Ferienwohnung mit dem Blick auf die Zickerschen Berge.

Erstmal tief durchatmen, die Lungen mit Ostseeluft füllen, die Augen über die Landschaft schweifen lassen und ankommen.
Wir sind in Gager gelandet, hier gibt es nicht viele Ferienwohnungen, heißt auch nicht so viele Menschen. Die Ostsee ist zwei Kilometer entfernt, dafür liegt der Bodden vor der Haustür, aber den wollen nur wenige Touristen sehen. So haben wir das Gefühl, auf Rügen ist nix los und wir entspannen uns langsam.

Nach der Pause schwingen wir uns auf die Räder. Zum Glück haben uns Freunde geraten, unsere Räder mitzunehmen, denn das wir allein auf der Insel sind, ist ein Trugschluss. Spätestens, wenn man mit dem Auto irgendwohin will, steht man stundenlang im Stau. Da sind wir mit den Rädern schneller und oft auch einsamer unterwegs.

Der erste Ausflug soll nur mal so schnell in die Umgebung gehen. Also fahren wir ein kleines Stück am Deich lang, dann an Häusern mit wunderschönen Gärten vorbei und schon stehen wir im Naturschutzgebiet. Unsere Blicke schweifen immer wieder links zum Bodden und rechts auf die Zickerschen Berge – also Hügel. Doch so hügelig sind die nicht, als wir drüber fahren wollen. Der Anstieg ist steil, der Weg aus Sand und ich nach einer Minute aus der Puste. Henrik fährt tapfer weiter. Ich schiebe mit hochrotem Kopf und völlig außer Atem mein ELEKTRORAD.
Oben angekommen brauche ich erstmal ein paar Minuten, um mich zu erholen, doch dann genieße ich den Knaller-Ausblick.

Danach geht es den Berg wieder runter zum Nonnenloch.
Henrik freut sich mächtig über den Namen und ist im Moment eher ein pubertierender kleiner Junge. Das Namensschild muss fotografiert und allen mit pubertierenden Endvierzigern geschickt werden.
Auf unserer Radrunde begegnen wir kaum anderen Menschen und auch als wir Abends an der Ostsee stehen, ist der Strand nur mittelmäßig gefüllt.
Ach die Ostsee, immer wieder schön. Am ersten Abend hat sie 18°C. Ich bin sofort drin. Henrik sitzt lieber im sonnenwarmen Sand und schaut aufs Meer.

Urlaubstage

An diesen ersten Tag schließen sich entspannte Sommertage an. Also wir machen uns die ganz entspannt, denn es ist schon viel los.

Auf den Wegen von Thiessow nach Göhren sind allerhand Radfahrer unterwegs und sogar einige Spaziergänger trauen sich hier zu laufen. Obwohl es zwischen den Kamikaze- und Wir-fahren-immer-nebeneinander! Radfahrern wirklich gefährlich ist.

In den meisten Restaurants muss man fürs Abendessen 3 – 4 Tage vorher reservieren.  Mit dem Auto mal schnell in den nächstgrößeren Ort fahren, geht nur ganz früh oder abends. Ansonsten steht man im Stau. Die großen Seebäder sind voller Menschen.

Wir machen es wie immer: auf die Situation einstellen und das Beste daraus machen.

In unserem Ferienort haben wir Ruhe pur. Über den Tag sind nur die Stare richtig laut und der Hund auf der anderen Feldseite.
Was erst ein bisschen störend ist, aber für mich wieder wunderbare Zuhör-Erlebnisse birgt. Denn das ganze Dorf regt sich über den bellenden Hund auf. Und da der einzige, ganz kleine Laden gleich neben unserer Ferienwohnung liegt, können wir einige amüsante Gespräche belauschen und so tief ins Dorfgeschehen eintauchen. Leider hat es sich nach drei Tagen ausgebellt (keine Angst, ab da waren scheinbar die Besitzer zuhause) und hinter unserer Rosenhecke war’s dorfklatschmäßig wieder still.

Wir schlafen lange aus, essen ganz lange Frühstück und fahren dann meistens mit dem Fahrrad in die nähere Umgebung. So geht’s auf die Halbinsel Reddewitz, von der wir versuchen, über den Bodden unsere Ferienwohnung in Gager zu sehen.
Was durchaus ohne Probleme möglich ist, wenn man keine Brille trägt und die Augen noch nicht den jugendlichen Sehzenit überschritten haben. Sag wir es mal so, wir haben sie erahnt.

Dafür saugen unsere Augen alles auf, was sie deutlich erkennen. Die vollen Kirschbäume am Wegesrand, die bunt blühenden Stockrosen an den Gehöften, den Blick über die Felder runter zum Meer, den Himmel, der sich im Wasser spiegelt. Einfach die Herrlichkeit dieser wunderschönen Insel.

Auf unserer Tour nach Klein Zicker, lassen wir die Räder in Thiessow stehen und laufen an der Steilküste entlang. Ein kleiner Spaziergang mit ganz viel Weitblick und ein wenig Mittelmeerfeeling, wenn man zur Ostsee blickt und ein wenig Almwiesengefühl, wenn man nach Thiessow runterschaut.  An der Surferoase Thiessow schauen wir den Kitesurfern zu und fahren dann nach Klein Zicker, wo wir uns wie in Schottland fühlen.

An einem anderen Tag fahren wir zum Neuensiener See und über Seelin zurück. Die ganze Zeit hängen gewitterschwere Wolken über uns und geben der Landschaft eine dramatische Beleuchtung.

Jeden späten Nachmittag fahren wir an den Strand, der sich dann langsam leert und ab 18 Uhr gehört die Ostsee uns. Sie wird von Tag zu Tag wärmer und bei 23°C hält es dann auch Henrik aus.
Wenn sich die anderen Urlaubsgäste um ihre Abendessenreservierungen streiten, machen wir ein Picknick oder sitzen entspannt auf unserer Terrasse und hören den Staren zu.

Dafür gehen wir fast jeden Tag Kaffee trinken. Meistens um 14 Uhr, da ist es noch leer und die Kellner entspannt.

Ausflüge

An den zwei verregneten Tag fahren wir dann doch mit dem Auto und stehen im Stau. Egal, die Landschaft um uns ist so schön, da kann man auch mal länger an einem Ort stehen und aus dem Wagenfenster schauen.

Wir fahren zu den Feuersteinfeldern zwischen Binz und Sassnitz. Obwohl wir schon oft auf Rügen waren, kannten wir dieses weltweit einmalig Naturphänomen nicht.  Mitten im Wald, ein gutes Stück von der Küste entfernt, liegen Millionen Feuersteine. Es sieht aus, als wenn man in den Wald eine Straße hatte bauen wollen. Die Feuersteine wurden wohl bei Sturmfluten vor 3.500 – 4.000 Jahren hier angespült.
Damals hätte ich hier keinen Urlaub machen wollen. Was sollen das für Sturmfluten gewesen sein?

Danach fahren wir zu einem Lost Place bei Sassnitz und suchen die Ruinen des Schlosses Dwasieden. Als wir uns auf den Weg durch den Wald Richtung Steilküste und Schlossruinen machen, nieselt es. Dieses etwas trostlose Wetter passt hervorragend zu diesem Ort.
Die Fassade des alte Marstalls ist komplett erhalten und steht verloren in mitten der hohen Bäume. Das Schloss wurde 1948 gesprengt, doch die Ruinenreste liegen noch im ehemaligen Schlosspark verstreut und es wirkt sehr skurril.
Als wir ankommen trainiert gerade eine Rettungshundestaffel in den Überresten. Ich bin mal wieder etwas ängstlich und will denen nicht ihre Übungseinheiten versauen. Also laufen wir Richtung Steilküste und schauen von dort weit über die Ostsee.

Am Nachmittag stehen wir zum Abschluss dieses Tages an einer Großsteingrabanlage bei Nobbin. Hier wurden Reste einer Urnenbeisetzung aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. gefunden. Mein Kopf grübelt sofort los: ” Dann waren ja schon Menschen hier bei den großen Sturmfluten…”.
Wir schauen auf die großen Steine und überlegen, wie man die wohl hierher bekommen hat. Und wie wir so nachdenken, kommt doch die Abendsonne aus den Wolken hervor gekrochen und legt alles um uns herum in ihr warmes Licht. Was für ein schöner Tag!

Beim nächsten Regenguss an einem anderen Tag stehen wir in der Parkanlage in Putbus. Auch dieses Schloss wurde gesprengt, dafür ist der Park erhalten geblieben und man kann in ihm entspannt spazieren gehen, auch bei Regen. Die Baumriesen und das Wetter erinnern uns an unseren Besuch bei der Queen in Balmoral in Schottland. Jedenfalls so ein bisschen, so für ein paar Sekunden, denn Putbus hat sonst wenig mit Schottland gemeinsam. Die weiße Stadt mit ihren vielen Rosen ist schon eine sehr klassizistische Planstadt und nicht ganz so urwüchsig wie die Highlands.

Fazit

Wir verleben und erleben erholsame, sonnengewärmte, salzluftige, blumenbunte, fischbrötchenreiche, wolkenmagische Urlaubstage auf Deutschlands größter Insel, die so abwechslungsreich ist und für Flachlandradler wie uns doch einige überraschende, atemluftraubende Höhen zu bieten hat.
Jederzeit würden wir hier wieder Urlaub machen, auch in den Ferien und zu Coronazeiten, denn es finden sich auch dann ungestörte Plätzchen.

 

 

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