Nord-Norwegen – Tage zwischen Winter und Sommer

#23 Nord-Norwegen – Tage zwischen Winter und Sommer
Lied zum Text: Miley Cyrus “Malibu” (dieses Lied wird hier ununterbrochen gespielt – ich finde es doof, kann aber das gesamte Lied mitträllern)  

Unsere letzte Woche führte uns von Hammerfest über Tromsö bis fast auf die Lofoten. Von kargen Landschaften mit Schnee und zugefrorenen Seen über türkisfarbene Fjorde mit scharfkantigen Bergen bis zu riesigen Wäldern und blühenden Wiesen. In dieser Woche haben wir einen ganzen Zoo an Tieren am Wegesrand gesehen. Herden von Rentieren, Schafen und Kühen, unzählige Vögel und sogar Elche kreuzten unseren Weg. Und im Wasser der Fjorde sahen wir Wale, Robben, Seeigel, Seesterne und Fische.

Unser Weg vom Nordkap zurück in den Süden führt uns von unserem Campingplatz Russenes/Olderfjord nach Skaidi. Der Weg führt über ein Hochplateau durchs Winterwunderland. Überall liegt noch Schnee, die kleinen Birken haben noch nicht mal Knospen und die Seen am Wegesrand sind noch zugefroren. Ich frage mich die ganze Zeit, wie die Vegetation das hier noch schaffen will. Wir haben Ende Juni und ab Oktober soll es wieder schneien, viel Zeit bleibt da nicht. Noch unwirklicher wird das Ganze, weil wir bei strahlenden Sonnenschein fahren und die Sonne mit richtiger Kraft ins Auto strahlt. In all dieser Unwirklichkeit stehen auch noch überall Rentiere und an den wenigen Gehöften stehen noch die Schneemobile im Schnee. Uns würde es nicht wundern, wenn uns der Weihnachtsmann vom Straßenrand zuwinken würde.
Dann fahren wir hinab und keine 100 Meter tiefer, sieht die Welt ganz anders aus. Es gibt neben den Birken auch Tannen, das Gras ist saftig grün und sogar Blumen lassen sich blicken.
So wird es jetzt den ganzen Weg gehen. Oben (so ab 300 Meter) Winter, unten im Tal Sommer. Umso weiter wir nach Süden kommen, umso mehr Sommer gibt es und umso höher muss man fahren, um wieder im Winter zu landen.

In der Nähe von Skaidi lassen wir das Monster auf einem Campingplatz stehen und fahren weiter nach Hammerfest. Die Stadt, die von sich behauptet, die nördlichste Stadt der Welt zu sein. OK, hier ist alles am nördlichsten. Wir fahren daher auch über die längste nördliche Hängebrücke der Welt. Diese spannt sich hoch und weit über den Fjord, der die Insel, auf der Hammerfest liegt, vom Festland trennt. Wir haben immer noch Sonnenschein und fahren am Wasser entlang. Jede Minute öffnet sich ein noch schönerer Blick über die Fjordlandschaft und dann liegt Hammerfest im strahlenden Sonnenschein vor uns. Was soll ich schreiben? Hammerfest ist ein kleines Fischerstädtchen aus bunten Funktionsbauten mit großartigem Ausblick. Was hat mich am meisten an der Stadt beeindruckt? Ganz klar: die Lage und dann das türkisfarbene Wasser im Hafen. Hier braucht man keinen elektronischen Fischfinder. Das Wasser ist soooo klar, da kann man alles sehen.

Auf dem Rückweg zum Monster, fängt es leicht an zu regnen. Und was passiert, wenn die Sonne vom Regen geküsst wird? Es entsteht ein Regenbogen – und was für einer.

Regenbogen

Von Skaidi fahren wir nach Alta und es regnet wieder. Unser Campingplatz liegt direkt am Altaelv (einem Fluss). Überall stehen Angler im Wasser und versuchen ihr Glück. Kein Wunder, der Altaelv ist einer der lachsreichsten Flüsse der Welt und die Angelgenehmigungen schon Monate im Voraus ausverkauft. Wir fahren nach Alta rein und schauen uns die Nordlichtkathedrale an. Ein ganz modernes Gotteshaus und wir finden sie von außen und innen sehr gelungen. Im Keller der Kathedrale gibt es eine kleine, aber feine Ausstellung zu den Nordlichtern, die hier zum ersten Mal abgelichtet wurden. Im Kirchenraum platzen wir in eine Chorprobe und lassen die wunderbare Akustik des Raumes auf uns wirken.

Wir bleiben auch noch den nächsten Tag in Alta – meinem Geburtstag. Trotz Regens machen wir uns auf den Weg zum größten Canyon Europas, der hier irgendwo sein soll. Die Straße endet irgendwann an einem geöffneten Schlagbaum. Davor steht ein Huskygespann und die Hunde werden gerade ins Auto verladen. Henrik fragt nach, wie wir am besten zum Canyon kommen. Wir sollen die Schotterpiste weiterfahren, bis ein Schneefeld kommt und dann laufen. Wird gemacht und dann laufen wir durch die Tundra, von einem Canyon nichts zusehen. Überall Schnee, der langsam taut und die Landschaft total vermatscht. Nach einer Stunde treffen wir auf ein niederländisches Pärchen, das uns entgegenkommt. Die meinen, noch eine halbe Stunde und dann sind wir da. Noch mehr Matsch und große Pfützen sind zu überwinden und kein Canyon in Sicht. Doch dann ein Fluss vor uns,  der sich ein paar Meter weiter in die Tiefe stürzt. Wir müssten jetzt eigentlich den Fluss überqueren,  um noch näher an den Canyon zukommen. Doch es gibt keine Brücke, es ist kalt und ich habe keine Lust, noch mehr nass zu werden. So bleiben wir auf unserer Seite. Wir bestaunen den Wasserfall, laufen über ein Schneefeld auf die andere Seite (mein Angsthase vorneweg) und können von dort in den Canyon schauen. Dann geht es wieder zurück auf unserem Abenteuerweg. Abends gehen wir in Alta sehr gut und sehr teuer, zur Feier meines Tages, essen.

Von Alta führt eine großartige Straße Richtung Tromsö. Man fährt fast die ganze Zeit an Fjorden lang und kann sich satt sehen an Wasser, Bergen und Wasserfällen. Das Wasser schießt überall aus den Bergen. Wir übernachten ganz einsam an einem dieser Fjorde. Hinter uns eine hohe Felswand natürlich mit Wasserfällen, vor uns das Wasser. Alles eingehüllt im Nebel.

Am nächsten Tag wird es Sommer. Die Sonne scheint. Alles, was vorher schon unglaublich war, ist es jetzt umso mehr. In einer Fjordbucht sehe ich vom Auto aus Wale springen. Klar halten wir an und schauen uns das Schauspiel an. Es sind Kleinstwale, die es hier noch sehr zahlreich gibt. Ich bin völlig aus dem Häuschen, so sehr freue ich mich. Ein paar Kilometer weiter dann, worauf ich seit 6 Wochen hoffe – Elche. 2 von ihnen stehen einfach am Wegesrand und zupfen Gras. Wir drehen und fahren nochmal zurück, um auch ein paar Fotos zumachen. Auch andere Autofahrer bleiben stehen und auf einmal rennen sie los. Jetzt sieht man erst richtig, was das für Riesenviecher sind. Ab jetzt meldet sich bei jedem Elchschild (und davon gibt es viele) mein Angsthase, denn wenn die dir ins Auto laufen, dann ist die Tour vorbei.

Wieder einmal lassen wir das Monster stehen und fahren weiter nach Tromsö.
Tromsö ist eine relativ große Stadt, die sogar eine richtige Fußgängerzone hat. Von der Eismeerkathedrale spannt sich eine lange Hängebrücke zur anderen Seite der Stadt, in der auch das Zentrum liegt. Tromsö besitzt den rauen Charme einer Hafenstadt, liegt am Fjord und ist eingebettet zwischen Bergen. Die Lyngalpen erheben sich hinter Tromsö und die Gipfel können bis zu 1200m hoch sein. Eine beeindruckende Kulisse. Wir schauen uns die Skulptur von Amundsen an, der ein bisschen aussieht wie Tante Trude (meint mein Vater). Walharpunen sind dort auch ausgestellt. Mächtige Geschosse und man fragt sich, wie man damit auf Lebewesen schießen kann. Allein die Vorstellung ist schrecklich.

Wir wollen weiter zu den Lofoten. Hierzu verlässt man erstmal eine Weile das Wasser – also die Fjorde. Wasser ist hier überall, als See, als Wasserfall, als Fluss, als Schnee und Eis. Wir machen einen Halt in Setermoen und fahren den am nächsten Tag nach Harstad. Harstad liegt auf den Vesteralen kurz vor den Lofoten. Wir campen direkt am Fjord. Auf dem Weg dorthin kreuzt eine Rentierherde unseren Weg, eine Elchkuh mit ihren zwei Jungen überquert vor uns die Straße und am Campingplatz, beim Kaffee trinken, sehen wir im Fjord wieder Kleinstwale schwimmen und ein Robbe hebt vor uns ihren Kopf aus dem Wasser – ein Paradies.

PS: Reisen bildet: Wir haben in dieser Woche viel Neues gelernt. In Hammerfest haben wir uns mit der Vermessung der Welt und Wilhelm von Struve beschäftigt. In Tromsö haben wir uns mit dem Leben von Amundsen, Nansen und (den von beiden genutzten Schiff) der Fram auseinandergesetzt. In Alta mit der Frühgeschichte der Menschen, denn hier gibt es 6200 Jahre alte Felsmalereien. Und schon seit dem Anfang unserer Fahrt, werden wir mit dem 2. Weltkrieg konfrontiert. In Harstad wurde das wieder ganz deutlich. Hier gab es die  Batterie Dietl mit den Adolfkanonen. Eine dieser gigantischen Kanonen haben wir uns angesehen. Wir sind fasziniert von der Ingenieurs- und Logistikleistung, die hier für die widerwärtige Kriegstreiberei genutzt wurde. Außerdem sind wir zutiefst beschämt, welche verbrannte Erde unsere Vorfahren auch in der Finnmark hinterlassen haben. Dieser Teil der Geschichte war uns so nicht bekannt.

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3 commentaires sur “Nord-Norwegen – Tage zwischen Winter und Sommer

  1. Das “Sein bestimmt das Bewußtsein”!
    Ich komme bei den super Reiseberichten kaum noch hinterher, mich mit Hintergrundinformationen zu versorgen!
    Weiter so!
    Drücker von uns.

  2. Sehr beeindruckend…. ich freue mich für euch. Tolle Bilder und eine traumhafte Naturkulisse. Weiterhin viel Glück und noch viele tolle Momente. Wir saugen alles auf. Liebe Grüße Ramona und Wolfgang

  3. Hallo Sylke, Du lässt uns weiter an Eurem Abenteuer teilhaben und man merkt, wieviel Euch besonders die Natur bedeutet. Und dann auch noch die Tiere, die man ja sonst nur im Zoo sieht, super! Wir freuen uns für Euch und weiterhin gute Fahrt!

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