Reise-Nachgedanken

Unsere Reise durch Nordeuropa – Einzelheiten

#30 Reise-Nachgedanken
Lied zum Text: Madsen “Lass es raus”

Wir sind wieder zuhause. Körperlich sind wir seit 1 1/2 Wochen in Berlin, jetzt ist auch der Geist langsam angekommen. Und seitdem auch der Geist (der innere Grübler) angekommen ist, hält er nicht mehr seine Klappe: ” Ziehe mal ein Fazit aus der Reise. Hast Du was gelernt? Hat es Dir was gebracht? Was willst Du jetzt? Erinnerst Du Dich noch daran? Weißt Du noch wo das war?…” Altes Plappermaul, dann führen wir mal ein öffentliches Zwiegespräch.

Grübler: ” Sieht ja zuhause aus, als ob Ihr nie weg gewesen wärt. Alles schon wieder so schön eingelebt. Da wart Ihr so lange nicht da und die ganze Welt hat sich trotzdem weitergedreht und nichts hat sich verändert. Ein bisschen enttäuschend, oder?”

Sylke:” Ich bin ganz froh, dass hier alles wie immer ist. Die Wohnung allein einem Fünfzehnjährigen zu überlassen, fand ich ziemlich mutig und dafür ist alles super. Außerdem kommst Du ja auch ein paar Tage später an und hast die erste geistfreie Saubermachaktion verpasst.
Machst Du ja im übrigen gerne, mich beim Putzen verlassen. Ist dann immer so schön ruhig in meinem Kopf.”
“Aber was ich Dir noch sagen wollte:  wir/ich haben uns verändert. Du musst Dich auf neue Sichtweisen, Grübeleien, Gedankengänge und Erkenntnisse einstellen.”

Grübler: “Was denn so?”

Sylke:” Das wirst Du nachts schon merken, wenn wir beide allein sind und die Welt um uns herum schläft. Es wird viel um “Was wirklich wichtig ist im Leben – nämlich das Leben” gehen. Aber auch um das Thema “Weniger ist mehr.” Wir haben fast 4 Monate auf 9 qm gelebt, mit einer winzigen Küche, mit Klamotten für 14 Tage, mit 5 paar Schuhen (die Badelatschen eingerechnet), ohne Fernseher und beschränktem Internet. Wir hatten nur eine winzige Toilette. Zum Duschen + Haare waschen hatten wir oft nur 5 min Zeit. Und es war wunderbar.
Ok, ich habe mich wirklich aufs ausgiebige Duschen gefreut und ein stabiles Internet. Aber alles andere… Es wird also in unseren zukünftigen Gesprächen darum gehen “Was brauche ich wirklich?”.

Grübler:”Ok, das hört sich für mich nach wunderbaren, langen Gesprächen an. Da freue ich mich drauf. Wobei ich gemerkt habe, wir machen das neuerdings auch gerne am Tag. Auf einmal hast Du dafür tagsüber Zeit und dann können wir beide in der Nacht gut schlafen. Das gefällt mir irgendwie.”
“Wie weit sind wir eigentlich gefahren, weißt Du das?”

Sylke: ” Warte mal, ich frag mal Henrik. Der hat bestimmt schon alles ausgerechnet und katalogisiert.”

Henrik:” Über 12.000 km sind wir durch 9 Länder gefahren. Also meistens ich. Ich glaube, Du bist, wenn wir gut aufrunden, davon 1000 km gefahren. Aber das wollte ich so auch, fahr ja unheimlich gerne und bei den Straßen war das cool. Was hatten wir nicht alles dabei: Schotterpisten, einspurige, schmale Straßen durch die Berge, einsame Waldwege. Tunnel die uns 220 m unter das Meer geführt haben oder 24 km lang waren oder Kreisverkehre in sich hatten. Über riesige Brücken ging es und auf Straßen entlang, die gerade gebaut wurden. Hätte nie gedacht, dass mir das langsame Fahren (mit durchschnittlich 70 km/h) mal Spaß machen würde. Da wir ja durchschnittlich nur 120 km am Tag gefahren sind, war es auch nicht besonders anstrengend. Wann wollen wir wieder los?”

Grübler: ” Nee, brauchst jetzt nicht alles zu wiederholen. Ich habe mitgehört. Wo hat es Dir am besten gefallen?”

Sylke:” Das ist nicht einfach. Die ganze Reise war wunderschön. Zum ersten Mal habe ich den Spruch verstanden : ” Der Weg ist das Ziel.”.
Nach Lettland und Estland würde ich gerne nochmal. Hier ist die Ostseeküste noch ursprünglich, einsam und hat etwas ganz melancholisches.
Die spektakulärste Natur hat auf jeden Fall Norwegen. Was für ein Land! Wenn das Wetter wärmer wäre, würde ich hier immer Urlaub machen.
Nach Schweden und Dänemark fahren wir bestimmt bald wieder. Sobald man die deutsche Grenze hinter sich lässt, stellt sich hier gleich eine innere Ruhe ein.
Als Städte sind mir Tallinn, Riga und Trondheim im Gedächtnis geblieben. Die waren alle 3 echt schön. Alle anderen Städte waren eher skurril bis wirklich hässlich. Aber wir wollten ja  Natur und die hatten wir – so viel, so natürlich, so toll.”

Grübler:” Und grübeln wir beide demnächst über Eure Beziehung? Oder machst Du das mit jemanden anders, denn auch während der Reise haben wir darüber kaum gesprochen?”

Sylke:” Da gibt es nichts zu grübeln. Da gibt es nur gute Gedanken. Ich bin unheimlich froh, dass ich Henrik an meiner Seite habe. Der verwirklicht mir meine Träume und macht sie zu seinen eignen. Es war echt schön, jeden Tag so eng miteinander zu verbringen. Es gab lange Gespräche über uns und unser wunderbares Leben. Wir haben viel gelacht und konnten auch gut miteinander schweigen. Seit fast 25 Jahren sind wir ein wirkliches tolles Team. Wir wissen beide, wie wertvoll das ist, was wir da haben.”
“Hey Henrik, ich liebe Dich.”

Henrik: “Ich Dich auch.”

Grübler:” Ey, wir unterhalten uns gerade. Kuscheln könnt Ihr nachher, dann bin ich auch still.”
“Was für Menschen habt Ihr auf Eurer Reise getroffen oder war alles menschenleer?”

Sylke:” Es gab wirklich sehr einsame Gegenden. Darum waren die Begegnungen mit Menschen besonders wertvoll. Und es waren interessante Leute dabei. Viele waren älter als wir und entdeckten mutig die Welt. Das macht uns wirklich Hoffnung für die Zukunft. Da gab es das Schweizer Ehepaar in Riga, dass sich gerade aufmachte, die Mongolei zu erkunden.
In Lakselv (Norwegen kurz vor dem Nordkap) unterhielten wir uns mit einer Berlinerin (Mitte Fünfzig), die allein mit dem Motorrad unterwegs war. Da bin ich immer noch voller Respekt. Wie auch vor den Radfahrern, die sich (bei wirklich schlechten Wetter) zum Nordkap kämpften.
In Ventspils (Lettland) trafen wir ein Ehepaar, das die Ostsee mit einem Segelboot “umrundet”.
In Vente vor der Kurischen Nehrung nahmen uns zwei Ehepaare in ihre Mitte, die zusammen schon die ganze Welt gesehen haben.
Am meisten überrascht waren wir  von den Finnen, die laut Reiseführer eher wenig kommunikativ sind und sehr verschlossen. Nirgendwo wurden wir so viel angesprochen wie in Finnland. Auch auf finnisch ( das mag auch an unseren blonden Haaren und der hellen Haut liegen) – da versteht man mal so gar nichts. Das machte den Finnen aber nichts aus und sie redeten weiter auf uns ein.
Wir haben wirklich lustige, tolle, mutige Menschen getroffen. Diese haben dazu beigetragen, dass wir mehr darüber nachdenken: was wir noch erleben wollen und wie wir leben wollen.”
“Außerdem haben wir ja auch Freunde und unsere Familie auf der Reise getroffen. Das waren Augenblicke, auf die wir uns ganz besonders gefreut und die wir sehr genossen haben. Es ist schön zu wissen, dass unsere Familien und Freunde so einen großen Anteil an unserer Auszeit nehmen. Ob sie den Blog lesen oder sogar live dabei sind. Das gab und gibt uns immer das Gefühl, Teil eines großen Ganzen zu sein, egal wie einsam die Gegend gerade ist.”

Grübler: ” Ja, ja ich habe kapiert, dass wir über das Leben im Allgemeinen  in der nächsten Zeit sinnieren werden. Wo ist eigentlich der Angsthase? Ich habe ihn lange nicht gesehen.”

Sylke: “Du, keine Ahnung. Ich weiß, dass er mit auf der Reise war und ab und zu über meine Schulter geschielt hat. Manchmal habe ich ihn auf großen Höhen absichtlich hervorgelockt. Dank meiner Höhenangst kommt er da schnell vor. Aber irgendwie war er entspannt, hat sich scheinbar viel ausgeruht und ist jetzt gar nicht mehr so der Panikmacher. Den hat die Reise auch verändert.”

Grübler:” Wenn ich das so höre, habe ich den Verdacht, dass es bei Dir mit der Veränderung erst jetzt richtig losgeht. Nach dieser Reise, jetzt wo wir beide so drüber reden und Zeit zum Reflektieren haben.”

Sylke:” Da hast Du wohl Recht. Das ist mir auch aufgefallen. Ich brauchte das gewohnte Umfeld, um zu erkennen, dass sich in mir (also mit Dir) viel bewegt. Hier fängt meine neue Reise an.”

Grübler:” Und fahren wir auch so richtig bald wieder weg?”

Sylke:”Erstmal haben wir in Berlin so einiges vor und dann geht es schon Ende Oktober für 10 Tage in die Toskana. Ende November bin ich nochmal richtig mutig und fahre allein nach Sylt. Wie Du weißt, war ich noch nie allein unterwegs. Ich denke, Du und der Angsthase begleiten mich da gerne.”

||||| 2 I Like It! |||||

10 commentaires sur “Reise-Nachgedanken

  1. Liebe Sylke,
    dein Blog (ich maße mir jetzt einfach mal an, für alle zu sprechen) war eine sehr große Bereicherung; nicht nur für dich, auch für mich.
    Besonders schön finde ich dein Resüme jetzt am Ende (Zwischenstopp?) deiner Reise zu dir.
    Auf eine Fortsetzung bin ich deshalb gespannter, als auf die 8. Staffel “Game Of Thrones” 😉
    Viele liebe Grüße und herzlich willkommen Zuhause 🙂
    Stephan

    • Vielen lieben Dank für die netten Worte. Auch wenn wir jetzt zuhause sind, gibt es weiter Artikel von mir/uns. Dieses Projekt macht mir richtig Spaß und Euch scheinbar auch :o). Da habt ihr jetzt den Salat – die Sylke schreibt weiter :o).

  2. Hallo Ihr Verliebten,
    soooo viele schöne Momente auf eurer mutigen Reise durch verschiedene Länder und diese Reise hat euch noch “Näher” gebracht. Eure Liebe ist Größer geworden und das nach sovielen Jahren…. einfach genial.
    Wir beneiden euch für diese Reiseerlebnisse. Sylke schreibe ein Buch… du hast es drauf. Ich lese deine Zeilen soooo gerne.
    Eure Lieblingsnachbarn.

  3. Großes Kino, dieses Zwiegespräch. Hatte ne Gänsehaut beim Lesen.

    Die Veränderung der eigenen Perspektive, das Umdenken von “haben haben haben” und “mehr mehr mehr” hin zu “weniger befreit” und “teilen und nicht besitzen” macht sooo frei im Geist. Da verschwindet auch der Angsthase, denn euch haut nichts mehr um. Ihr wisst, es geht immer weiter.

    Ich freue mich, dass ihr weiter schreiben werdet – bis bald, Konny

  4. Hallo Sylke, heute haben wir mal etwas Ruhe und ich kann auch mal schreiben. 🙂
    Nein, wir haben Dich ganz und gar nicht vergessen und leider stecken wir noch im alten Programm, welches Du selbst verlassen wolltest, zu Recht wie ich finde.Das Programm rotiert ungehindert weiter zwischen Arbeit und Stress und angesichts Eurer schönen Bilder wünschte ich könnte das auch.
    Ich wünsche Euch auf jeden Fall weiter so eine schöne Zeit, eine traumhafte Reise in die Toscana und eine Reise mit Dir selbst nach Sylt 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.