Ostseeferien

Ostseeferien

#52 Ostseeferien
Lied zum Text: Jack Johnson “Sitting,Waiting,Wishing”

Die Sonne und die Hitze im Zimmer wecken sie, so wie in den letzten 6 Wochen.
Sie hatte gedacht, hier an der Ostsee würde der Wind die Hitze erträglicher machen, doch kein Lüftchen bewegt sich.
Etwas zerknautscht und verschwitzt steht sie auf, tappt mit nackten Füßen über den Schattenzebrastreifen, den die Jalousie auf den Boden wirft, bis zur Terassentür. Als sie die Tür aufschiebt, schmerzt das helle Licht in ihren verschlafenen Augen, dann öffnet sich der Blick aufs Wasser.

Seit 13 Tagen erstaunt sie dieser Blick.
Spiegelblank liegt die Schleimündung vor Ihr. Boote fahren vom Hafen ins Meer. Am anderen Ufer sind die Bauarbeiter wie kleine Ameisen dabei, weitere Ferienhäuser hochzuziehen. Trotzdem ist ruhig, es scheint, als schluckt die Hitze jeden Laut.
Alles ist träge.

Die Füße tragen sie langsam weiter zum Waschbecken, sie lässt das Wasser laufen, bis es ihr kalt erscheint. Hastig trinkt sie das kühle Nass, so dass es ihr das Kinn runterläuft.
Jetzt ist sie etwas munterer, pellt sich aus dem Schlaf-T-Shirt in den Badeanzug und geht raus.

Sie läuft die 10 Meter bis zur Bucht bedächtig, schaut sich um. Die Ruhe in ihrer Wohnung war trügerisch, in den anderen Ferienhäusern sind die Leute schon aktiv. Dort wird gefrühstückt, die Sachen für einen weiteren Strandtag zusammen gepackt, die Hunde gassi geführt.
Nur bei Ihnen ist es noch ruhig. Sie lächelt, sie haben es nicht mehr eilig, auch wenn morgen ihr letzter Ostseeferientag ist. Nichts brauchte in den 14 Tagen Urlaub komprimiert und reingepackt werden.
Natürlich kennt sie das noch anders. Alles mussten die Ferien bieten, maximale Erholung, maximale Familienzeit, maximale Erlebnisse, maximales Friede, Freude, Eierkuchen.
Wie oft ist das schiefgegangen?
Jetzt weiß sie, auch nach den 14 Tagen hat sie noch Zeit. Sie hofft, dass diese innere Ruhe, diese Gelassenheit ihr größtes Geschenk an sich selbst aus ihrer Auszeit sein wird. Das sie sich dieses Gefühl bis ans Ende ihrer Tage erhalten kann.

So in Gedanken merkt sie erst, dass sie am Wasser ist, als ihre Füße bereits im Meer stehen. In dieser Bucht, direkt an ihrem Ferienhaus, geht kein weiterer baden. Zwei Meter vom Ufer wachsen ein paar Algen in die Höhe, nach zwei Schwimmzügen ist man dort durch. Doch die meisten Feriengäste schreckt das ab und so hat sie die Bucht für sich allein.

Das Wasser ist warm, trotzdem kostet das erste Untertauchen Überwindung. Nach ein paar Sekunden hat sich ihr Körper ans Wasser gewöhnt. Es streicht an ihrem Körper entlang, macht sie schwerelos und glücklich.
Sie lässt sich auf dem Rücken treiben, die Beine und Arme weit von sich gestreckt.
Sie muss sich nicht bewegen, um oben zu bleiben. Ihre Familie ist immer etwas neidisch auf diese Fähigkeit. Denn sie kann das überall, ob im Schwimmbad, bei Wellengang im Meer, im See. Sie treibt oben wie ein Korken.
Und so kann sie entspannen. Das Wasser trägt sie, stützt sie, beschützt sie. Es spielt mit ihren Haaren, sie fühlt sich geborgen.

Sie schaut in den blauen Himmel über ihr und die Gedanken schweifen zu den letzten Ferientagen. Sie ziehen vorbei und lösen sich auf, wie Wolken. Es gibt keine zeitliche Abfolge, alles taucht auf und verschwindet wieder. Einiges wird liebevoll verpackt in ihrem Gehirn gespeichert.
Da erscheint der heiße Tag in Haithabu, eigentlich ein uraltes Wikingerdorf, doch in diesem Sommer ist es eher ein Fischerdorf auf einer Pazifikinsel. Sie musste dort an ein altes Kinderbuch denken, in dem zwei Jungs auf Polynesien Abenteuer erleben. So kam sie sich in Haithabu vor.
In den strohgedeckten Häusern war es an diesem Tag warm. Das Leben spielte sich auf der Wiese und vor dem Wasser ab. Die Füße wurden ganz dreckig vom aufgewirbelten Staub. Die Hühner, Schafe und Katzen suchten sich schattige Plätze, genauso wie die Touristen. Sie schaut sich in ihren Gedanken nochmal die wunderschöne Gegend an.
Diesen schönen Flecken Erde, den sich die Wikinger vor fast 1500 Jahren zum Leben ausgesucht haben. Sie sieht die vielen Gegenstände aus dem Museum vor sich, die an vergangenes Leben, an vergangene Träume erinnern – alles so lange her und doch greifbar nah.

Auf einmal sieht sie die Schweinswale durch ihrer Gedanken schwimmen und die Aufregung vom dem Tag, als sie sie hier in der Bucht zum ersten Mal gesehen haben. Dieses ungläubige Staunen. Sie spürt noch ihre Augen brennen, nach dem Starren auf die Wasseroberfläche.
Jetzt ist es schon beinah Alltag, fast jeden Tag sehen sie die kleine Schule vorbeischwimmen, die freudige Aufregung darüber hat sich etwas gelegt und dem liebevollen Begrüßen von alten Bekannten Platz gemacht.

Ihre Gedanken hopsen nach Arnis. Sie bummelten durch die Kopfsteinpflasterstraßen der kleinsten Stadt Deutschlands und wollten eigentlich in der Schlei baden. Doch der Badeplatz gefiel Ihnen nicht, so fuhren sie durch die weichen Hügel der Schleswiger Landschaft vorbei an kleinen Dörfern doch wieder ans Meer.

Die vielen Strandtage verschwimmen zu einem in ihrer Erinnerung. Heißer Sand, auf dem man kaum barfuss laufen kann. Warmes, blaues  Wasser, viel wärmer als sie es von der Ostsee kennt, das meist ganz ruhig daliegt und an zwei Tagen ordentliche Wellen macht. Und über Allem die Sonne – golden und gleißend.

Sie schwimmen Stunden im Meer, einmal bis zu einer weit entfernten Sandbank, tauchen sich unter, ziehen sich durchs Wasser, schaukeln auf den Wellen. Der Blick schweift hinüber zur dänischen Küste. Nach diesen Tagen klebt der Sand an Ihnen, die Haare sind strohig vom Salz; die Haut spannt von der vielen Sonne. Sie fühlen sich frei und riechen nach Ferien.

Sie denkt an Flensburg, an ihre wenigen Erwartungen an diese Stadt und das Erstaunen, als sich der Ort als Schönheit entpuppte.
Eigentlich hofften sie nur auf gut gekühlte Geschäfte und haben eine schnucklige Hafenstadt gefunden, in der sie vielmehr Zeit verbrachten als gedacht.
Ihre Gedanken hopsen zur nächste Stadt: nach Kiel – keine Schönheit aus ihrer Sicht, aber hier leben Menschen, dir ihr am Herzen liegen. Diese haben Kiel zu ihrer neuen Heimat gemacht, zu ihrem zuhause. Nach 3 Jahren treffen sie sich hier wieder. Einen lustigen, entspannten, vollgequatschten Nachmittag und Abend verbringen sie zusammen. Ein Lächeln breitet sich in ihrem Körper aus, als sie daran denkt.

Der Abend des Blutmondes taucht vor ihrem inneren Auge auf. Sie fuhren durch die Nacht aus Kiel zu ihrer Ferienwohnung in Olpenitz. Ihr Mann suchte den Himmel nach dem einmaligen Mond ab und fand ihn nicht.
Erst hier an ihrer Ferienwohnung, mit dem weitem Blick über den Horizont, war er auf einmal zu sehen und eigentlich am schönsten, als er nicht mehr perfekt war, sondern sich die Mondfinsternis langsam verabschiedete.
So ist es oft, denkt sie, nicht ganz perfekt ist am Besten, daran erinnert man sich am längsten.

Dann ist da auf einmal einer der ersten Tage auf der Terrasse vor ihrem Haus. Mit Freunden sitzen sie in der Gluthitze der Sonne. Sie schmeckt noch die Süße der Erdbeeren, die sie gegessen haben. Geschichten von Norwegen fliegen über den Tisch hin und her. Von der Schönheit der Landschaft, von der Herzlichkeit der Menschen, von den teuren Lebensmitteln und von der Unterschiedlichkeit des Wetters.
Ihr Norwegensommer vor einem Jahr war kühl, regnerisch und atemberaubend. Der Norwegensommer ihrer Freunde in diesem Jahr war warm, sonnig und atemberaubend. Ganz kurz ist sie dort in Norwegen auf den Lofoten in Bildern, die sich für immer auf ihre Netzhaut eingebrannt haben.

Die Bilder verschwimmen. Schon sitzen sie unter uralten Bäumen im Gut Oehe und trinken Kaffee. Der Schatten, das kühle Gras bringen Erholung nach dem Strandtag. Das Gut scheint aus der Zeit gefallen zu sein. Große Hortensienbüsche schmiegen sich an die Backsteinmauern, Enten schnattern auf dem fast ausgetrockneten Teich und hinter dem Gut gleich die Ostsee. Stadttrubel und Hektik scheint hier unendlich weit fern zu sein. Selbst der Rehbock, der ihren Weg kreuzte, schien es nicht besonders eilig zu haben.

Ihre Gedanken schweifen weiter zu den vielen gegessenen Fischbrötchen in diesen Ostseeferien, ob am Straßenrand, in kleinen Fischerdörfern oder immer wieder in Kappeln am Hafen, wo sie beim Essen die Schiffe beobachten, die durch die geöffnete Brücke fahren.
Ihr Magen knurrt bei dem Gedanken, sie schaut zu ihrer Ferienwohnung, wo sich langsam das Leben bemerkbar macht. Ihr Mann schaut zu ihr, noch ganz verwuschelt von der Nacht. Aus dem Schatten des Zimmers tritt ihr Sohn und rempelt seinen Vater an.
Sie schwimmt zurück, grinst, ihr Herz hüpft vor Glück.
Sie freut sich auf einen letzten Ostseeferientag.

 

 

 

 

 

 

 

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