Grübeln über – Privatsphäre

Bergmannkiez

Meine Privatsphäre ist mir wichtig, sehr wichtig. Ich bin zwar auch gerne mal unter Leuten, aber auch sehr gerne mit mir allein. Wenn Leute mit mir reden, sollten sie unbedingt meine Komfortzone erkennen und einhalten, sonst fühle ich mich bedrängt. In der Öffentlichkeit möchte ich nicht gerne  von Fremden bei meinem Tun beobachtet werden. Andersrum bin ich da etwas nachlässiger und dringe gerne mal in fremde Privatsphären ein.

Henrik sagt: ” Sylke, Sylke! Ey, hör mir doch mal zu.” Ich kann nicht! Ich muss das Gespräch am Nachbartisch verfolgen. Henrik dient mir im Café nur als Alibi, damit nicht allzu sehr auffällt, dass ich innerlich eigentlich am Nebentisch sitze.

Wir sitzen gerade in der Bergmannstraße im Barcomi und trinken Kaffee. Für mich als Randberliner  ist das wie Urlaub. Vor lauter schauen, zuhören, mitdenken komme ich gar nicht dazu, meinen Kuchen zu essen. In den Laden kommen echt nur Leute, wie sie in Büchern über Berlin beschrieben werden. Ich denke kurz: “Die drehen hier einen Film.”

Neben uns sitzt ein abgerissener Typ in Jogginghose, der leise vor sich hinquatscht und dabei die beiden Mädels am Nebentisch im Auge hat und diese immer wieder anlächelt. Die beiden sind sehr, sehr hübsch und wissen das auch.
Natürlich machen sie sich über den Abrisstypen lustig, der mir dann wieder leid tut.
Als ein richtiger Adonis das Cafe betritt und sich zu den Mädels setzt, merkt er, dass das hier nichts bringt und geht. Typ Adonis hat einen großkarierten Mantel an, geschmückt mit einem dicken Wollschal, dessen Enden ihm um die Knöchel flatterten. Damit sieht ein Mann eigentlich richtig bescheuert aus, der aber nicht. Mit offen stehenden Mund schaue ich ihm hinterher.

Kaum bin ich mit Staunen fertig und will mich Henrik zuwenden, kommt ein ganz skurriles Pärchen rein.
“Tut mir leid Henrik, ich muss mich jetzt um die beiden kümmern.”
Beide tragen Sachen, die ich schon seit 30 Jahren nicht mehr gesehen habe . Sofort drehen sich meine Gedanken ” Haben sie die Klamotten von ihren Eltern? Oder aus einem Humana Secondhand Laden? Ob die so riechen wie sie aussehen, nach altem Keller? Wo bekommt man so etwas her? Ist das die neue Moderichtung? Scheiße, dass ich alles so schnell wegschmeiße.”
Der Mann dazu, muss vorher seine Finger in die Steckdose gesteckt haben, um diese abgefahrene Frisur hinzubekommen.
Sie zieht sich 10 Minuten lang aus. In den letzten 30 Minuten muss es einen Wettersturz gegeben haben und draußen müssen jetzt minus 40 Grad Celsius herrschen. Sie zieht eine ganz dicke 90-er Jahre Winterjacke aus, dann  kommt ein uralter, verfilzter Norwegerpullover, dann eine äußerst hässliche Strickjacke. Nun hat sie noch einen Pullover und da drüber ein T-Shirt an. Nachdem noch Schal und Tuch den Hals verlassen haben, ist sie 20 Kilo leichter. Ich bin fasziniert.

Gerne würde ich mich jetzt um Henrik kümmern, aber die Mädels neben uns – Typ ewig studierend – teilen sich eine Kohlsuppe und Geschichten rund um ihre komplizierten Beziehungen.  Da kann ich schon aus sozialen Gesichtspunkten nicht weghören, vielleicht brauchen sie meine Hilfe.

Der alternden Liebhaber und sein junges Mädchen sowie das alte, wirklich sehr süße  schwule Pärchen (die haben beide unheimlich coole Strickpullover an) sitzen leider zu weit weg.
Ich überlege kurz, rüber zu schlendern oder mich umzusetzen. Sehe aber den drohenden Blick meines Mannes und traue mich nicht.

Ein Glück hat Henrik ein Handy und kann damit spielen, der arme Kerl.
Aber er kennt mich schon ein ganzes Weilchen. Er gönnt mir diese Augenblicke und tritt für die vielen Sinneseindrücke ein Stück zurück. Ich bin glücklich, im siebten Himmel des Voyeurismus.

Ich liebe diese Stadt und ihre vielen unterschiedlichen Bewohner. Ich liebe das Gewusel und die Verschiedenartigkeiten. Ich liebe, dass neben der feinen Dame ein Penner sitzen kann und dass das normal ist. Ich muss mich nicht in den Flieger setzen, um ganz wo anders zu sein. Da reichen 30 Minuten Fahrzeit und manchmal Ein-um-die-Ecke-gehen. Das alles ist gewürzt mit unserer ehrlichen Berliner Herzlichkeit. Wie die Kellnerin im Cafe: “Na, habn se endlich wat jefunden.” Nee ich hatte keine Zeit, ich muss Leute beobachten.

Irgendwann wird es mir zu viel, es ist langsam zu laut, zu grell, zu bunt, zu grob, zu eng, zu Alles. Ich bin müde vom zuhören und nicht einmischen. Mein Tee ist alle und der Kuchen gegessen. Wir fahren zurück nach Hause – in den grünen, ruhigen, fast dörfischen Süden von Berlin.
Ich lebe in Berlin am schönsten Ort der Welt. Hier kann ich in der Masse verschwinden, meine Privatsphäre schützen und trotzdem immer dabei sein.

Ganz privat im Süden von Berlin

Beobachtet Ihr auch gerne Leute in Restaurants? Würdet Ihr Euch dann auch gerne mal umsetzen und in das Gespräch eingreifen? Freut Ihr Euch auch darauf, wenn die Tage kürzer werden und Ihr beim Spazieren gehen in fremde Wohnzimmer schauen könnt?
Mögt Ihr es auch nicht, wenn fremde Leute das dann bei Euch machen?

 

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4 commentaires sur “Grübeln über – Privatsphäre

  1. Sylke, Du bist einfach der Knaller! Ich hätte auch ohne Ortsangabe sofort gewusst, dass Du in der Bergmannstr. warst

  2. Na darauf ein weiteres Zitat:
    Menschen, an denen nichts auszusetzen ist,
    haben einen, allerdings entscheidenen Fehler:
    sie sind uninteressant!
    Zsa Zsa Gabor

  3. Bei nem Typen würde man wieder sagen……kiek mal den Spanner an……
    Bei Sylke klingt das amüsant. Ja, manchmal muss man für Comedy; Unterhaltung kein Geld ausgeben…..
    Mal ein Tipp……Wartezimmer wäre auch ne geile Location für Dich, Gyn oder Urologe.
    Warte also auf den nächsten Bericht. Viele Grüße aus der steifen Versicherungswelt der Ergo…. Andi

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