Grübeln über – unseren Garten

Gartenglück

An meinem linken Unterarm läuft ein Tropfen Blut lang. Meine Hände starren vor Dreck, auf meiner Stirn und meinen Wangen prangen Schmutzflecken. Doch in meinem Gesicht zeigt sich ein grenz-debiles, erschöpftes Lächeln – der Garten ist fast winterfein.

Für Berliner Verhältnisse haben wir einen großen Garten mit einem alten Baumbestand und genug Platz zum Austoben von Ideen. Wir sind keine enthusiastischen Gärtner, eher ziemlich relaxte Hobbypflanzer.
Unkraut darf bei uns an manchen Stellen gerne Unkraut sein, der Rasen voll mit Gänseblümchen und Moos, im Teich dürfen auch Blätter schwimmen. So fühlen nicht nur wir uns wohl, sondern auch Insekten, Bienen, Vögel, Kröten, Igel und in diesem Jahr sogar ein Entenpärchen.

Aber ab und zu überkommt es mich und ich stürze mich voller Elan in den Garten.
Meist habe ich vorher eine englische Schmonzette gesehen.
Eine englische Lady streift in einem pastellfarbenen Seidenkleid und einem großem Hut auf ihrem perfekt zurecht gemachten Kopf durch ihren Park und schneidet Rosen.

In meiner Vorstellung schwebe ich genauso durch unseren Garten, zupfe da ein wenig und schneide dort ein bisschen – und das hoheitsvoll und elegant.
Keine Ahnung, wie ich auf diese Idee komme?
Schon im “normalen” Leben bin ich wenig elegant (hoheitsvoll? – im Sinne von im herrischen Ton Befehle erteilen – eher schon) und im Garten bin ich ein Troll.

Ich brauche unsere Rosen nur anzuschauen mit dem Gedanken “Heute werdet Ihr gekürzt.”, schon habe ich einen langen, blutenden Kratzer an meinem Körper.
Nehme ich mir vor, elfengleich Unkraut zu zupfen, sind meine Fingernägel bereits beim ersten Pflänzchen abgebrochen und richtig dreckig.
Selbst wenn ich nur ein paar Kräuter pflücken gehe, habe ich danach irgendwo Schmutz an mir. Ich bin eher ein Maulwurf als eine zarte Lady.

Und ganz ehrlich – nach dem ersten Erschrecken, dass ich schon nach 5 Minuten im Garten wie ein Dreckschwein aussehe, überkommt mich Freude.
Jetzt ist es sowieso egal, jetzt kann ich auch den Spaten in die Hand nehmen, mit der Gartenschere Äste schneiden, mit den Händen richtig in der Erde wühlen oder mal wieder den Gartenteich saubermachen.

Erst wenn vom Gartenzaun ein Nachbar oder die Postfrau grüßt, wache ich aus dem Arbeitsflow wieder auf und erkenne am erschrockenen Gesichtsausdruck meines Gegenübers, dass ich mich wieder mal in einen Troll verwandelt habe.
Meistens bin ich dann schon so erschöpft und glücklich vom körperlichen Arbeiten, dass mir völlig egal ist, was der andere über mich denkt.

Und was lehrt mich unser Garten? Glücklich sein ist viel besser als gutes Aussehen.

Unser Sommerwohnzimmer

Noch ein paar Nachgedanken:
Ja, unser Garten macht Arbeit!
Aber er ist auch unser wunderbarer, erholsamer Kraftort.
Wenn im Frühling das erste hellgrüne Laub an den Linden erscheint und sich gegen das Blau des Himmels abzeichnet, dann hüpft mein Herz vor Freude.
Es gibt kaum ein schöneres Geräusch, als das Summen von tausenden Bienen in den blühenden Linden und das Brummen der Hummeln in unseren Blumen.
Den Duft nach gemähten Gras und von frischer Erde kann kein noch so teures Parfüm einfangen.
Den Geschmack vom Strauch genaschter, sonnenwarmer Tomaten oder den ersten Erdbeeren aus dem Garten kann kein Sternekoch zaubern.
Und dann gibt es noch all die schönen, kleinen Momente: barfuß durchs Gras laufen, die Fische im Teich beobachten, den Vögeln zuhören, warme Sonnenstrahlen auf der Haut, das Geplätscher des Regens, das Erblühen der ersten Blumen, eine Butterstulle mit Gartenschnittlauch, dem Eichhörnchen beim Nüsse knacken zusehen, Rauhreif auf den blätterlosen Ästen …. ich könnte ewig so weiter machen.

 

 

 

 

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2 commentaires sur “Grübeln über – unseren Garten

  1. Das hast Du schön geschrieben!
    “Genieße deine Zeit, denn du
    lebst nur jetzt und heute.
    Morgen kannst du gestern
    nicht nachholen und später
    kommt eher als du denkst”
    (Albert Einstein)

  2. Hallo Sylke,
    danke für diesen Beitrag. Ich musste wirklich lachen und stelle fest wie ähnlich wir uns da sind.
    Eigentlich ein No-Go bei Temperaturen unter 20C im Garten zu arbeiten( kennst mich ja) ,aber wenn es nächstes Jahr blühen soll, muss man eben was tun. Ich weiß nicht, in welches Wesen ich mich da immer verwandle, in eine Gartenelfe jedenfalls nicht. Mein ziemlich jüngere Nachbarin hat doch tatsächlich Gartenhandschuhe mit Blümchen( beäug’), und ich stamme von germanischen Neandertaler ab, strubbige Walla-Walla-Mähne und KEINE Gartenhandschuhe.Ok, so wird es nix mit langen Nägeln, die Nachbarin hat ihre Plaste-Elaste aber geschützt. Ich als Totengräber gebe gar kein schlechtes Bild ab. Dafür ist mein Garten aber ein Hingucker. Aus einem schmalen Schlauchgarten, der halbschattig liegt etwas zu zaubern, war für mich eher Herausforderung. Viele Ideen konnte ich umsetzen.Als Elfe schleppt man nicht 200 Steine, um eine verwunschene Mauer zu bauen, als Gartenwichtel allerdings auch nicht, also Annonce aufgegeben.” Wer schleppt mir Steine” oder ” wer macht schwuppdiwupp meine Baumwurzel weg” als dann einer mit der Kettensäge vor meiner Tür stand, habe ich doch Angst bekommen.Aber ich habe ihn dann doch reingelassen( man sieht nicht alle Tage einen Opa mit Kettensäge) und Dank der Unterstützungen und mit viel Kreativität, habe ich meine Ideen umgesetzt.
    Und Hand aufs Herz, dreckig sein, in der Erde zu wühlen ist doch herrlich. 3 Monate habe ich mit einem Küchenmesser den Garten umgegraben und jede Wurzel einzeln gezupft ( auch ein Maulwurf hat mal Rücken)
    Voller Ehrfurcht standen die Nachbarn am Zaun, um mit dem Maulwurf zu sprechen, weil das Ergebnis so toll war.
    Liebe Grüße
    Christel der Gartentroll

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