Ein Roadtrip: Kapitel 5 – Im Becken von Arcachon

Austernfischer in Arcachon

#63 Ein Roadtrip:Kapitel 5 – Im Becken von Arcachon
Lied zum Text: Kaaris “Gun salute”

Die Sonne geht gerade im Becken von Arcachon unter. Unsere Füße graben sich in den kalten Sand. Im Auto hinter uns kiffen ein paar Jugendliche, ihr Lachen weht zu uns rüber. Vor uns spielt ein junger Hund im Wasser. Die Schwalben fliegen tief und berühren mit ihren Flügeln die silbrige Oberfläche des Meeres. Alles könnte so schön sein.

Wir lehnen uns aneinander und hängen unseren Gedanken nach. Eine kleine Reise-Schwermut hat uns erfasst, wie immer hervorgerufen durch große, nicht erfüllte Erwartungen.

Hier in Arcachon haben wir uns eine kleine Ferienwohnung gemietet. Wir müssen mal Wäsche waschen, wollen mal wieder richtig kochen und außerdem kann man von hier einiges unternehmen.
Vor ein paar Monaten haben wir in einem der dritten Programme einen wunderschönen Reisebericht von dieser Gegend gesehen und uns war damals klar, hier wollen wir hin.

Auf dem Weg durch Weinfelder

Als wir am frühen Morgen mit der Fähre in Verdon-sur-Mer und damit im Land des vollmundigen Bordeaux-Weins ankommen, sind wir von den duftenden Kiefernwäldern, den breiten, weißen Stränden und der Einsamkeit ganz angetan.
Leuchttürme stehen ganz idyllisch in der weiten Dünenlandschaft.

Auf den Straßen ist außer uns niemand unterwegs. Wir freuen uns auf unsere kleine Ferienwohnung und darauf, mal 4 Tage an einem Ort zu verbringen.
Natürlich malen wir uns den Aufenthalt ganz idyllisch aus. Sehen uns in bequemen Betten lange ausschlafen, frühstücken auf der Terrasse mit Blick auf ein kleines Fischerdorf und einen kurzen Spaziergang machen zum Becken von Arcachon. Natürlich denken wir dabei an lange Sandstrände, wenig Menschen und schöne Ausblicke.

Nach einiger Zeit werden unsere Gedanken abgelenkt von weiten Weinfeldern. Kilometerweit erstrecken sich die Weinstöcke in die flache Landschaft.
Im Moment wirkt die Szenerie, durch das fehlende Grün, noch etwas trostlos. Inmitten der Felder stehen mal kleinere, mal größere Châteaus. Alles zieht an uns vorbei und ist nach ein paar Minuten bereits Vergangenheit.

Große Erwartungen – kleine Enttäuschungen

Am Nachmittag kommen wir an unserer Ferienwohnung an und sind überrascht.
Mitten im Ort, umgeben von Baustellen und abbruchreifen Scheunen, steht ein kleines neues Haus.
In die Wohnung dringt so gut wie kein Licht, denn eine der Scheunen steht direkt vor dem Fenster. Frühstücken auf der Terrasse wird es nicht geben, denn es gibt keine.
Unsere Vermieterin eröffnet uns (per Google-Übersetzer), dass es in der Vorsaison keine Bettwäsche und keine Handtücher gibt (gut, dass wir Schlafsäcke und Handtücher mithaben) und dass zur Zeit das Internet und der Fernseher nicht funktionieren, dafür aber eine Kaution von 500€ in bar fällig ist.
Ups, das lief mal nicht wie vorgestellt.

Doch die Wohnung hat alles, was wir brauchen. Die Einrichtung ist neu und der Preis mit 50 Euro die Nacht (einschließlich Endreinigung) auch mehr als ok. Fürs fehlende Internet gibt es eine mobile Lösung und den Fernseher brauchen wir so wie so nicht. So ziehen wir ein und machen uns auf den Weg zum Strand.

Dieser führt an baufälligen Holzscheunen, einer Bahnstrecke und Hunderten von Austernkörben vorbei. Wir hatten auch hier andere Erwartungen.
Und dann der Strand; kein offenes Meer, kein langer Strand, Netze liegen herum, Boote werden sauber gemacht und über Allem der Geruch von ollen Muscheln.
So sitzen wir dann in der untergehenden Sonne am Wasser mit unseren großen Erwartungen und den kleinen vielen Enttäuschungen.

In Gedanken in Arcachon

Am nächsten Morgen sieht die Welt anders aus.
Die Nacht war jetzt auch nicht so toll, denn wir beide passen zusammen nun mal nicht in ein 1,20 Meter Bett.

Doch jetzt ist Schluss mit enttäuscht sein. Wir ziehen zum Schlafen auf die Ausziehcouch, lassen die Waschmaschine für uns arbeiten und nehmen uns vor, die Umgebung mit Anfängergeist zu sehen und uns positiv überraschen zu lassen.

Im Buddelkasten – Dune de Pilat

Und die erste Überraschung ist nur ein paar Kilometer von uns entfernt und heißt Dune de Pilat – die größte Wanderdüne Europas.
Wir beide denken: “Wie groß kann so ein Sandhaufen schon sein? Immerhin kennen wir ja schon die Kurische Nehrung, viel mehr Sand geht doch kaum.”
Doch es geht. So viel Sand, dass es uns den Atem raubt. Mitten im Wald erhebt sich ein 110 Meter hoher Sandberg.

Keine Holztreppe führt hinauf und der mobile Fußweg ist noch nicht ausgelegt. Das heißt, wir kämpfen uns gegen den Sand die Düne hoch. Nach 2 Minuten sind die Schuhe voll mit Sand, der Schweiß läuft uns den Rücken runter, wir haben Schnappatmung und gefühlt 5 Meter geschafft. Denn für jeden Schritt den man sich hochkämpft, rutscht man einen halben Schritt wieder runter.
Nach etlichen Pausen stehen wir oben und schauen über eine beeindruckende Landschaft.
Es ist herrlich, fabelhaft, unglaublich schön – einfach nicht zu beschreiben.

Wir werden wieder zu Kindern, rennen die Düne runter Richtung Meer, rutschen auf den ganz steilen Stücken auf dem Po, krabbeln auf allen Vieren wieder hoch und lachen dabei die ganze Zeit. Überall an uns klebt Sand, den wir auch noch Tage später in den Jackentaschen finden.
Auf dem Weg nach unten sehen wir dann auch die Bunker. Kaum zu glauben, aber auch die Sanddüne wurde von den Deutschen mit Bunkern bebaut. Diese rutschen nun den Sand runter, einige liegen wohl schon tief im Meer, andere stehen völlig verdreht inmitten der Landschaft.
Und noch etwas kann man an der Dune de Pilat sehen. Am Strand liegen vom Sand zusammengepresste Bäume. Die Düne wandert einfach über den Wald und so kann man “live” sehen, wie die Natur Kohle herstellt.
Stunden verbringen wir in diesem überdimensionierten Buddelkasten. Erst, als unsere Füße eiskalt und wir hungrig und durstig sind, machen wir uns auf den Rückweg.

Stadtbummel durch Bordeaux

Am nächsten Tag machen wir einen Stadtbummel durch Bordeaux.
Wir lassen unser Auto am Stadtrand stehen und fahren mit der Straßenbahn in die Stadt. Mehrmals beglückwünschen wir uns für diese weise Entscheidung.
Bordeaux ist eine uralte Stadt (über 2300 Jahre alt) und durchs Zentrum führen überwiegend kleine enge Einbahnstraßen und ein großer Teil der City ist für den Autoverkehr sowieso gesperrt.

Wir fühlen uns wohl in Bordeaux, bewundern die schönen Häuser, machen Pause in den kleinen Cafés, bummeln durch die Geschäfte und spazieren durch den Park.
Trotz des hohen Alters ist Bordeaux jung geblieben. Viele Studenten sitzen auf den Bänken oder in den Brasserien.
Die Stadt fühlt sich lebendig und gleichzeitig kuschlig an. Die Menschen hier sind offen und nett. Wir unterhalten uns eine Weile mit einem Verkäufer über die deutsch, französische Politik und als wir an der Straßenbahn kein Ticket ziehen können, hilft uns eine Französin und lässt dafür sogar ihre Bahn wegfahren.

Überhaupt sind alle Franzosen auf unserer Reise äußerst hilfsbereit und gesprächsfreudig. Einige unterhalten sich sogar auf deutsch mit uns.
Von früheren Urlauben kennen wir das auch anders. Vielleicht liegt es daran, dass wir außerhalb der Saison reisen und alle noch sehr entspannt sind.

Als unsere Füße pflastermüde werden, zieht es uns wieder in unser Dorf.

Zweite Chance für Arcachon

Wir geben Arcachon noch eine zweite Chance und plötzlich sind die Scheunen nicht mehr baufällig, sondern ursprünglich. Hier kann man direkt vom Fischer für wenig Geld die frischsten Austern kaufen. Diese haben hier ihre Kinderstube und werden aus der Bucht nach ganz Frankreich gebracht, um dann in anderen Orten weiter zu wachsen und für viel Geld gegessen zu werden.

Kleine Läden, Brasserien, Bäckereien säumen die Hauptstraße. Mit dem Bus und der Bahn kann man günstig von einem kleinen Ort zum anderen kommen.
Nicht unweit des Zentrums von Arcachon gibt es auch einen weiten, breiten, zur Zeit menschenleeren Strand.

Falls es regnet, gibt es außerhalb Einkaufszentren. In denen lässt es sich gut bummeln oder man sieht sich in den üppigen Lebensmittelläden satt.
Für Abenteurer und Vogelbeobachter gibt es einen großen Naturschutzpark. Hier finden Führungen statt oder man radelt auf eigene Faust hindurch.
Genauso gut kann man eine Runde Paddeln gehen.
Für die vielen Ferienurlauber im Sommer gibt es also genug Betätigung.
Doch wir haben im Moment die meisten Attraktionen für uns ganz allein.

Wir änderten unsere Sichtweise und am Ende der 4 Tage haben wir dieses Fleckchen Erde in unser Herz geschlossen.

Als wir uns wieder auf den Weg machen, ist unsere Wäsche wieder sauber und wir mit uns und Arcachon vollkommen im Reinen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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2 commentaires sur “Ein Roadtrip: Kapitel 5 – Im Becken von Arcachon

  1. J’espère que ça vous plaira; ich hoffe, Ihr habt viel Spaß. Frankreich ist faszinierend,romantisch, einfach nur schön.Habt Ihr auch einen Bordeaux in Bordeaux getrunken?
    Tolle Bilder jedenfalls
    Lieber eine Nacht in einem 1.20m- Bett als ein Plumsklo wie an den französischen Autobahnen,n’ est pas?

    • Hi Christel, Frankreich ist wirklich ein tolles Land, in dem wir immer wieder gerne Urlaub machen. Einen Bordeaux gab es nicht, wir sind ja beide keine Weintrinker. Dafür gab es zu den Austern wenigstens einen Cider. Und nee, ich nehme lieber das breitere Bett und dafür ein Plumsklo :o). Liebe Grüße

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